Muttermilchernährung für Säuglinge mit Chylothorax

Chylothorax ist eine Erkrankung, an der Kinder nach Eingriffen am Brustkorb wie Herzoperationen leiden können. Normalerweise bedeutet dies für einen Säugling, auf keinen Fall mehr mit Muttermilch ernährt werden zu dürfen. Ein neuer Lösungsansatz schafft Abhilfe: Die Herstellung von fettfreier Muttermilch.

AFS-Stillberaterin Dr. Magdalene Stosik, selber Mutter von zwei herzkranken Kindern und hauptberufliche Wissenschaftlerin, wurde nach der Geburt ihrer Tochter mit dem Thema konfrontiert und stellte bei Gesprächen mit den behandelnden Ärzten fest, dass die Sorge besteht, ob fettfreie Muttermilch auch wirklich fettfrei genug ist, um sie betroffenen Kindern verabreichen zu können. Aus diesem Grund begann sie selbst, in diesem Bereich zu forschen und damit Wege aufzuzeigen, wie möglichst viele betroffene Kinder trotzdem mit Muttermilch ernährt werden können. In der Stillzeit schildert sie, wie fettfreie Muttermilch für betroffene Kinder bereitgestellt werden kann und welche Kliniken in Deutschland entrahmte Muttermilch bereits einsetzen.

Was ist ein Chylothorax?

Chylothorax ist eine Erkrankung die dann entsteht, wenn Lymphbahnen beschädigt werden, welche die langkettigen Fette im Körper transportieren. Das kann bei Operationen am Brustkorb passieren, insbesondere bei Eingriffen am Herzen, oder auch angeboren sein. Die fetthaltige Lymphflüssigkeit (Chyle) sammelt sich dabei in Form von Ergüssen im Körper an. Um den Chylefluss zu stoppen und die bedrohlichen Ergüsse zu beseitigen, ist es notwendig, die langkettigen Fette aus der Nahrung zu verbannen. Für Säuglinge bedeutet dies faktisch, dass sie keine Muttermilch mehr bekommen dürfen, da diese rund vier Prozent Fett enthält. Stattdessen werden sie mit einer fettfreien Spezialnahrung gefüttert. Somit ist ein Chylothorax heutzutage eine der wenigen echten Kontraindikationen zur Muttermilchernährung.

Warum ist das problematisch?

Mit dem erforderlichen Verzicht auf die Muttermilch verlieren die Säuglinge allerdings auch die immunologisch wirksamen, schützenden Substanzen, die in der Muttermilch enthalten sind: Antikörper, Lysozym, Neuregulin-4, Lactoferrin usw. Damit sind sie, ausgerechnet in der schwierigen Phase nach einer Herz-OP, vor Magendarm-Infekten, nekrotisierender Enterokolitis und vielen anderen Erkrankungen nicht mehr gut geschützt. Aus diesem Grund gehen neuerdings immer mehr Kliniken auf der ganzen Welt, insbesondere in den USA, dazu über, statt der fettfreien Spezialnahrung lieber entrahmte Muttermilch zu verabreichen.

Wie kann fettfreie Muttermilch bereitgestellt werden?

Durch das Zentrifugieren (15 min. bei mindestens 2500 g) kann die Muttermilch in zwei Bestandteile getrennt werden: Zum einen die feste Rahmschicht und zum anderen die durchscheinende, flüssige entrahmte Muttermilch. Mit einer Spritze und aufgesetzter Magensonde kann die entrahmte Muttermilch entnommen werden, ohne die Rahmschicht zu stören. Sie enthält noch genauso viel Eiweiß und Laktose wie normale Muttermilch, doch der Fettgehalt liegt bei unter 0,1 Prozent! Da die immunprotektiven Bestandteile der Muttermilch zu den Eiweißen gehören, bleiben sie bei dieser Prozedur erhalten. Mit so vorbereiteter Muttermilch dürfen also auch an Chylothorax leidende Säuglinge gefüttert werden. Dabei ist es wichtig, die fettfreie Muttermilch zu supplementieren (zum Beispiel mit mittelkettigen Fetten wie MCT-Öl und ggf. auch mit Maltodextrin), um den Kalorienverlust durch das Entrahmen wieder auszugleichen. Bei sehr lange andauernder Behandlung sollte auch der Bedarf an fettlöslichen Vitaminen und essentiellen Fettsäuren ergänzt werden. Diese Vorgehensweise wurde bereits mehrmals in der Fachliteratur beschrieben und hat sich als geeignet bei Chylothorax erwiesen. Wichtig ist, dass hier eine geeignete Zentrifuge nur für die Muttermilch benötigt wird, es sollten aus hygienischen Gründen keine anderen Proben (Blut etc.) darin zentrifugiert werden. Die frisch zentrifugierte fettfreie Muttermilch kann auch zur Lagerung eingefroren werden.

Wie kann fettarme Muttermilch auch ohne Zentrifuge bereitgestellt werden?

Was aber, wenn keine Zentrifuge zur Verfügung steht? Zum Beispiel weil es in der Klinik kein geeignetes Gerät gibt, oder weil das Baby inzwischen nach Hause entlassen wurde? Hier gibt es die Möglichkeit, die natürliche Separation der Muttermilch unter Kühlung abzuwarten. Auch zu dieser Methode liegen einige publizierte Berichte vor, offen blieb dabei bisher, mit welchem Rest-Fettgehalt zu rechnen ist. Um mehr Informationen zu erhalten, habe ich Muttermilchproben in handelsüblichen Flaschen für ein, zwei oder drei Tage ungestört im Kühlschrank stehen gelassen (nicht in der Kühlschranktür!), die fettarme Muttermilch wie oben beschrieben mit Spritze und Magensonde abgezapft und an ein Spezial-Labor (Institut für Milchuntersuchung in Bremen) eingeschickt. Anschließend bat ich andere stillende Mütter dieses Prozedere zu Hause auszuprobieren. Das Resultat: nach drei Tagen im Kühlschrank ist in der wässrigen Phase auf jedem Fall weniger als ein Prozent Fett übrig, im Durchschnitt waren es weniger als 0,5 Prozent, also etwa ein Zehntel dessen, was die normale Muttermilch enthält. Die Prozedur ist so einfach, dass sie auch von Müttern zu Hause fehlerfrei und problemlos durchgeführt werden kann. Die so gewonnene Muttermilch ist zwar nicht ganz fettfrei, aber sehr fettarm. Auch hier muss an eine angemessene Supplementierung mit MCT-Fett usw. gedacht werden.

Alternativ zum Stehenlassen in Flaschen kann die frische Muttermilch auch in unten mit einem Schraubstopfen verschlossene 60 ml Perfusor-Spritzen gefüllt werden, die Spritzen werden dann im Kühlschrank in einem Becher stehend gelagert. Die entrahmte Muttermilch kann anschließend einfach herausgedrückt werden. Zur Gewinnung entrahmter Muttermilch ohne Zentrifuge sollte frische Muttermilch genutzt werden, sie ist im Kühlschrank drei bis fünf Tage haltbar – die nach drei Tagen gewonnene fettarme Milch sollte also anschließend zeitnah verfüttert werden. Eine bereits eingefrorene und wieder aufgetaute Muttermilch ist nicht dafür geeignet, da sie im Gegensatz zu frischer Muttermilch nur noch 24 h im Kühlschrank haltbar ist.


Wann kann fettfreie bzw. fettarme Muttermilch zum Einsatz kommen?

Das müssen die behandelnden Ärzte entscheiden. Je nach Zustand des Kindes kann es beispielsweise sein, dass zeitweise auf jegliche Nahrungszufuhr auf normalem Weg verzichtet werden muss und das Baby per Infusion ernährt wird. Wann eine Gabe von Nahrung wieder möglich ist, und wieviel Rest-Fett diese jeweils enthalten kann, muss individuell entschieden werden. In der Literatur wurde die erfolgreiche Verwendung entrahmter Muttermilch mit bis zu 1 Prozent Rest-Fett beschrieben. Das Childrens Hospital of Philadelphia in den USA verwendet zentrifugierte Muttermilch, sofern diese weniger als 1 Prozent Fett enthält. Demnach wären beide Methoden, sowohl das Zentrifugieren als auch drei Tage Stehenlassen im Kühlschrank, grundsätzlich geeignet.

In welchen Kliniken in Deutschland wird die entrahmte Muttermilch bereits genutzt?

Meines Wissens regulär im Deutschen Kinderherzzentrum der Asklepios Klinik Sankt Augustin und im Rahmen einer Studie am Herzzentrum Leipzig (Auskunft zu der Studie erteilt Dr. med. Tina Springer, Tel.: 0341-865-253035, Email: tina.springer@helios-kliniken.de ). Ich hoffe, dass bald mehr Kliniken zu dieser Methode übergehen! Ich würde mich sehr über Berichte von Eltern, deren Säuglinge entrahmte Muttermilch bekamen oder von Kliniken, die diese Methode anwenden, freuen.

Wo finde ich Informationen zum Thema angeborene Herzfehler?

Es gibt mehrere Organisationen, die Eltern herzkranker Kinder unterstützen. Dazu gehört der Bundesverband herzkranker Kinder e.V., die Kinderherzstiftung, Herzkind e.V. und Interessengemeinschaft herzkranker Kinder e.V. Es gibt eine Facebook-Gruppe „Kinder mit Herzfehler stillen“, wo sich betroffene Mütter und Stillberaterinnen zum Thema austauschen. Und bei der AFS gibt es eine Ansprechperson speziell für Eltern herzkranker Stillkinder, nämlich mich: magdalene.stosik@afs-stillen.de

Magdalene Stosik, AFS-Stillberaterin,
Stillzeit 3/2015

Die von Magdalene erhobenen Daten wurden bereits auf der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie präsentiert. Das Interesse an dem Thema ist so groß, dass die Chance besteht, dass langfristig immer mehr betroffene Babys mit entrahmter Muttermilch ernährt werden können. Über aktuelle Entwicklungen wird die Stillzeit natürlich berichten.