Gemeinsam schlafen – Chance oder Risiko?

Vor der Geburt ist für viele Eltern noch alles klar. Das Baby soll natürlich in seinem Bettchen schlafen. Und dann ist es auf der Welt, wird gestillt, und die junge Mutter sieht sich mit ungeahnten Problemen konfrontiert. Das an der Brust friedlich eingeschlafene Kind lässt sich nicht wieder ins Babybett legen, ohne schreiend aufzuwachen. Die Mutter fühlt sich durch das häufige Aufstehen wie gerädert, bekommt zuwenig erholsamen Schlaf und verliert die Lust, nachts überhaupt zu stillen. Oder sie findet es zunehmend praktischer, das Baby gleich oder zumindest ab dem ersten Nachtstillen bei sich im Bett zu behalten. Vielleicht schläft sie beim Stillen gleich selbst mit ein. Eigentlich sehr gemütlich. Wären da nicht die Sorgen wegen der Expertenmeinungen…


Verunsicherte Eltern

In den letzten Jahren stieg mit der Stillhäufigkeit auch die Anzahl der Eltern bzw. Mütter, die mit ihren Kindern gemeinsam schlafen. Viele Familien und soziale Gruppierungen schätzen das Familienbett – als traditionelle Praxis, als positive elterliche Entscheidung, als entspannten Weg im Umgang mit den nächtlichen Bedürfnissen des Kindes.
In der einschlägigen Literatur, in Broschüren der BZgA und von Landesbehörden gibt es reichlich Empfehlungen für werdende und junge Eltern zum Thema „sicherer Babyschlaf“; die allermeisten raten zum Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern und sind strikt gegen gemeinsames Schlafen von Eltern und Kindern in einem Bett. Diese offiziellen Empfehlungen stellen werdende oder junge Eltern vor die Wahl – sie können den Empfehlungen folgen (was z.B. das Stillen erschwert), oder sie entscheiden sich dagegen, dann tragen sie das volle Risiko und haben zudem oft ein schlechtes Gewissen. Die polemische Ausdrucksweise in den Broschüren erzeugt großen Druck und teilweise extreme Angst bei Eltern. Auch Familien, die sich bewusst und gern für eine gemeinsame Schlafstelle entscheiden, stehen immer wieder unter Rechtfertigungsdruck.
ABM (Academy of Breastfeeding Medicine) und ILCA (International Lactation Consultant Association) äußern sich besorgt zu diesem Trend. Stillhemmende Empfehlungen müssten sehr sorgfältig gegen die Vorteile des Stillens abgewogen werden. Nancy Wight, die Präsidentin der ABM, erklärte sogar, „die AAP-Empfehlungen zeigten einen wirklich erstaunlichen Triumph ethnozentrischer Annahmen über gesunden Menschenverstand und medizinische Forschung“.


Wissenschaftliche Grundlage von Empfehlungen –
SIDS als Ausschlussdiagnose

Die Amerikanische Kinderärztevereinigung AAP (American Academy of Pediatrics) und nationale Ministerien und Organisationen in Nordamerika und Europa gleichermaßen empfehlen zur Vorbeugung von Unfällen und Plötzlichem Kindstod (SIDS, Sudden Infant Death Syndrome) ein festes Schlafarrangement mit dem Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern. Auf den ersten Blick ein löblicher Ansatz. Doch was ist die wissenschaftliche Grundlage dafür?
Der Plötzliche Kindstod ist zwar selten, aber dennoch die häufigste Todesursache bei Kindern unter einem Jahr und für betroffene Familien eine große Tragödie. Zuvor normal und gesund erscheinende Säuglinge sterben plötzlich und ohne erkennbare Ursache im Schlaf, meist nachts und überwiegend im dritten und vierten Lebensmonat. In Deutschland beträgt die Häufigkeit etwa 0,5 auf 1.000 lebend geborene Kinder.
Die Diagnose SIDS ist eine reine Ausschlussdiagnose, die so nur nach einer Obduktion gestellt werden kann. In einer englischen Studie zeigten sich jedoch viele Ähnlichkeiten von SIDS-Todesfällen und plötzlichen unerwarteten, aber erklärbaren Todesfällen im Säuglingsalter (SUDI, Sudden and Unexpected Death in Infancy). Hauptunterschied war die Altersverteilung der betroffenen Kinder, ansonsten gab es erstaunlich viele epidemiologische Übereinstimmungen. Möglicherweise stehen hinter SIDS ebenfalls medizinisch erklärbare Ursachen, die heute nur noch nicht bekannt oder pathologisch nachweisbar sind?


Schwierige Ursachenforschung

Forschung zum Thema SIDS besteht überwiegend aus epidemiologischen Studien, d.h. es werden Daten bekannter SIDS-Fälle zusammengestellt und ausgewertet. Epidemiologen werden auch als „Forscher, die besonders gut zählen können“ bezeichnet. Im Ergebnis kann man auf besondere Begleitumstände schließen, die gehäuft in Verbindung mit SIDS-Fällen auftreten, aber echte Ursachenforschung ist dies nicht, und der Grund, warum manche Kinder scheinbar grundlos im Schlaf sterben, ist immer noch nicht sicher bekannt.
Epidemiologische Forschung kann nur bereits erhobene Daten verwerten. Aber schon die Datenerhebung spiegelt den kulturellen Hintergrund der beteiligten Personen und beeinflusst den wissenschaftlichen Fokus. Die Beurteilung der Auffindesituation in SIDS-Fällen durch Gutachter wird von den sozialen Umständen der Familie geprägt: In sozial schwachen Familien wird so ein Todesfall oft als Überliegen eingestuft, in Mittelklassefamilien eher als SIDS oder Lungenentzündung. Oft wird auch nicht sensibel zwischen verschiedenen Formen des Co-Sleepings unterschieden; wenn z.B. ein krankes Kind ausnahmsweise im Elternbett schläft und stirbt, ist möglicherweise eher die Krankheit Ursache für den Tod als das gemeinsame Schlafen.

Als wahrscheinliche Ursachen für SIDS werden Atemstillstand, Aufwachdefizite oder eine Kombination aus beidem diskutiert. Atemstillstände können beispielsweise aufgrund einer Unreife des Atemzentrums oder Obstruktion (Behinderung der Atmung aufgrund von Schnupfen, Krankheit), durch Überwärmung (aufgrund von Infekten oder in Bauchlage können Säuglinge oft ihre Körpertemperatur nicht optimal regulieren) oder Rauchen (Obstruktion, Entzündung der Atemwege) auftreten. Aufwachdefizite bei Hypoxie (Sauerstoffmangel) bzw. Anstieg des CO2-Gehalts im Blut stehen oft in Verbindung mit allgemein schwerer Erweckbarkeit aus dem Schlaf, Rauchen in der Schwangerschaft und/oder Ernährung des Kindes mit künstlicher Säuglingsnahrung. Normalerweise führt Sauerstoffmangel oder zu hoher CO2-Gehalt (z.B. aufgrund von Rückatmung der eigenen Ausatemluft) zu spontanen Bewegungen und Erwachen bzw. Übertritt in ein anderes, leichter erweckbares Schlafstadium; von Aufwachdefiziten betroffene Kinder schlafen jedoch einfach weiter und ersticken allmählich im Schlaf.


Risikofaktoren für SIDS

Viele Risikofaktoren für SIDS sind bekannt, aber nicht für alle ist der Odd-Factor (Zunahme des Risikos) wirklich sicher bestimmbar, weil Risikofaktoren oft gebündelt auftreten und in der Auswertung nicht immer voneinander abgegrenzt werden können. Hier greift auch wieder die Problematik der Datenerhebung – was nicht erhoben wird, kann nicht in die Berechnung einfließen.

SIDS-Risikofaktoren 
(nach Linderkamp et al.) 

Zunahme des Risikos
(Odd-Factor)

Bauchlage vs. Rückenlage

      13

Seitenlage vs. Rückenlage

        1,3

Rauchen ohne Bed-Sharing

        5

Rauchen und Bed-Sharing

      15

Junge vs. Mädchen 

        1,5

Mehrlinge vs. Einling

        2,4

Geburtsgewicht < 2.500g

        4

Mutter < 18 J. vs. > 30 J.

        7

Mutter 21-25 J. vs. > 30 J.

        3

2. Kind vs. 1. Kind 

        2

3. Kind vs. 1. Kind

        3

4. Kind vs. 1. Kind 

        4

Partner arbeitslos

        2

zusammenlebend vs. verheiratet

        1,5

alleinerziehend 

        1,6

Die Bauchlage ist schon früh als einer der Haupt-Risikofaktoren erkannt worden. Anfang der 90er Jahre gab es weltweit großangelegte Kampagnen, die auf dieses Risiko hinwiesen und Rücken- bzw. Seitenlage propagierten.
In England wurden die Veränderungen der epidemiologischen Charakteristik seit der „Back to Sleep“-Kampagne im Jahr 1991 untersucht. Viele Risikofaktoren sind gleichgeblieben – z.B. Altersverteilung, Jungen, niedriges Geburtsgewicht, kurze Schwangerschaftsdauer, Probleme des Kindes nach der Geburt, ungünstige Demographie, Mehrlinge, vorhergehende Totgeburt bzw. Kindstod. Es gibt keine Häufung der Fälle an bestimmten Wochentagen, und der Winterpeak ist deutlich reduziert – früher gab es in den Wintermonaten wesentlich mehr SIDS-Fälle als jeweils in den anderen drei Quartalen, nun sind es 27 % und damit nur noch knapp über ein Viertel der gesamten Fälle. Rauchen und Zugehörigkeit zu sozialen Randgruppen sind zu den wichtigsten Risikofaktoren geworden.

In einigen Studien gab es Hinweise darauf, dass Co-Sleeping einer der Risikofaktoren für SIDS sein könnte. Dennoch ist es problematisch, aus diesen Hinweisen schon auf eine generelle Gefährdung im gemeinsamen Bett zu schließen. Wenn gemeinsames Schlafen in bezug auf erhöhtes SIDS-Risiko untersucht wird, müssen auch immer alle beteiligten Personen und Umstände einbezogen werden. Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass die meisten Studien nicht zwischen verschiedenen Formen des Co-Sleepings differenzieren, oder ob die mit dem Baby schlafenden Erwachsenen in irgendeiner Form beeinträchtigt waren (Alkohol, Drogen, Medikamente) oder rauchten. Auch die verwendete Schlafunterlage wurde in die Auswertung selten einbezogen. Bei genauerer Betrachtung aller Begleitumstände sieht die Lage dann nämlich etwas anders aus! Kontrollierte Studien, die Tabak und Alkohol erfassten, zeigten wenig oder keine unabhängige Beziehung zwischen Bed-Sharing und SIDS. Dennoch gibt es weitere Faktoren, die gemeinsames Schlafen beeinflussen – alle müssten bei der Auswertung einbezogen werden!
Bisher schloss keine epidemiologische Studie eine ausreichende Zahl vollstillender, nichtrauchender und in einem sicheren Bett gemeinsam mit ihrem Kind schlafender Mütter ein, um auch für diesen Fall Aussagen zu den potentiellen Risiken treffen zu können.


Evolution und Kultur

Das menschliche Schlafverhalten ist facettenreich, was die Bettmaterialien, Schlafpartner und Schlafzeiten betrifft. Sehr ursprünglich lebende Gruppen schlafen oft in der Nähe eines Feuers, was eine mehrfach unterbrochene Nachtruhe mit sich bringt, weil immer wieder jemand aufsteht und Holz nachlegt. Während der menschlichen Evolution war diese Schlafform wahrscheinlich vorherrschend – acht Stunden ungestörter Schlaf und feste Schlafenszeiten als anzustrebendes Ziel sind eher eine Entwicklung der jüngeren Vergangenheit, die erst durch die relative Sicherheit abgeschlossener Häuser und die damit verbundene Verdunkelung und Abschottung von Geräuschen möglich war. Völker ohne strikten Tagesablauf schlafen oft in mehreren Portionen nachts und auch tagsüber. In vielen ursprünglichen Gesellschaften schlafen die Menschen in größerer Gemeinschaft und oft mit Körperkontakt zu anderen. Manchmal schlafen Mütter und kleine Kinder gemeinsam, manchmal Kernfamilien, aber auch Sippen getrennt in geschlechterspezifische Gruppen oder ganze Sippen gemeinsam, das Baby auf der gleichen Schlafunterlage oder in direkter Reichweite der Mutter auf einer eigenen Unterlage. Für getrennte Schlafräume von Mutter und Kind gibt es außerhalb der westlichen Industrieländer keine ethnographischen Beispiele.

In den meisten menschlichen Kulturen schlafen also Mütter/Eltern und Kinder ganz selbstverständlich zusammen, und in vielen davon ist das Phänomen SIDS völlig unbekannt oder sehr viel seltener als in der westlichen Welt. Das legt den Schluss nahe, dass es andere Gründe außer dem gemeinsamen Schlafen geben muss, die in Industrieländern höhere SIDS-Raten verursachen.
Auch in der westlichen Welt ist Co-Sleeping nicht so selten, wie oft angenommen wird. Manchmal muss der Forscher nur die richtige Frage stellen – in einer englischen Studie wäre ein Großteil der regelmäßig gemeinsam schlafenden Familien nicht erfasst worden, hätte die Fragestellung nicht differenziert, ob die Kinder zu irgendeinem Zeitpunkt in der Nacht ihren Schlafplatz wechseln. In den USA gaben 19 % der Weißen, 59 % der Schwarzen und 26 % der Lateinamerikaner an, mehr oder weniger regelmäßig mit ihren Kindern gemeinsam in einem Bett zu schlafen.

Die SIDS-Raten in Alaska sanken seit 1993 um 50-70 % und die Säuglingssterblichkeit um 33 % – im gleichen Zeitraum stieg jedoch die Anzahl der gemeinsam schlafenden Mütter von 16 % auf 40%. Die Gesundheitsbehörde in Alaska untersuchte 130 SIDS-Todesfälle aus den Jahren 1992 bis 1997. Von 40 Kindern war bekannt, dass sie zum Todeszeitpunkt mit jemandem das Bett geteilt hatten. Von diesen 40 Kindern schlief jedoch nur ein einziges in Rückenlage und mit einem nicht beeinträchtigten Erwachsenen auf einer geeigneten Matratze! Von 115 Kindern war die Schlafposition bekannt, 113 davon starben in Bauchlage und 2 in Rückenlage allein in ihrem Kinderbett. Fast alle SIDS-Fälle in Alaska traten in Verbindung mit Bauchlage (98 %), Bed-Sharing/Familienbett bzw. Schlaf außerhalb eines Kinderbetts auf, wobei Bed-Sharing fast immer in Kombination mit anderen Risikofaktoren stand.
Daten aus Kanada (Saskatchewan) zeigen reduzierte SIDS-Raten für Co-Sleeping in Kombination mit Stillen, und in Südafrika haben Babys im Familienbett höhere Überlebenschancen als einzeln schlafende. In Japan (und auch anderen asiatischen Ländern) ist das SIDS-Risiko sehr gering, und dort ist Co-Sleeping die Norm – in Rückenlage, auf dünnen Matten und mit dünnen Decken, Stillen ist normal, Alkohol und Rauchen sind für Mütter tabu.


Physiologie des Schlafs

Die Forschungen der letzten Jahre haben viele neue Erkenntnisse zur Schlafphysiologie von gemeinsam und einzeln schlafenden Babys hervorgebracht. Babyschlaf wurde in Schlaflaboren und auch in heimischer Umgebung studiert. Ergebnisse aus dem Schlaflabor bieten höhere Vergleichbarkeit auf wissenschaftlicher Ebene, aber die fremde Umgebung und die Messgeräte beeinflussen das Schlafverhalten.
Kinder im Elternbett (immer ohne bekannte Risikofaktoren und mit unbeeinträchtigten Müttern!) erfahren deutlich mehr Berührungen, Blicke, schnellere und häufigere mütterliche Reaktionen, werden häufiger und länger gestillt.
Gemeinsam schlafende Kinder verbringen den größten Teil der Zeit in Seitenlage. Säuglinge im Kinderbett schlafen gewöhnlich auf dem Rücken, seltener auf der Seite oder dem Bauch. Kinder im Familienbett schlafen aber noch seltener auf dem Bauch. Die Seitenlage wurde als riskant eingestuft, weil Säuglinge aus der Seitenlage leichter in die Bauchlage rollen können. Bei einzeln schlafenden Kindern wurde das auch beobachtet, nicht aber bei gemeinsam schlafenden. Es existieren keine Daten, die eine Übertragung dieser Annahme auf die Situation im Familienbett rechtfertigen.


Schlafposition zu zweit

Die charakteristische Schlafposition beim Co-Sleeping von stillender Mutter und ihrem Kind scheint das Rollen in Bauchlage zu verhindern: Beide liegen in Seitenlage einander zugewandt, die Mutter hat die Beine angewinkelt und den unten liegenden Arm ausgestreckt, das Kind liegt zwischen Beinen und ausgestrecktem Arm der Mutter. Der Arm der Mutter schützt das Kind davor, zu dicht an Kissen zu geraten. In dieser Haltung ist es auch wenig wahrscheinlich, dass Mutter oder Vater versehentlich auf das Kind rollen könnten. In keiner Situation nahm die Mutter eine Position ein, die die Atemwege ihres Kindes hätte abdrücken können.
In Rücken- oder Seitenlage kann das Kind sich aktiver selbst von Decken befreien, wenn diese zu weit nach oben rutschen. Beim gemeinsamen Schlaf werden Babys öfter mit der Bettdecke überdeckt, jedoch meist ohne Zeichen von Unbehagen. Das Risiko von signifikantem Rückatmen der eigenen Ausatemluft hängt sehr von Typ und Dicke der Decke ab. Die Sauerstoffsättigung beim Kind sank nie unter 90 %, die rektale Temperatur stieg nicht kritisch an, obwohl die axillare Temperatur bei gemeinsam schlafenden Kindern höher war. Es gab auch Beobachtungen, dass Mütter im Schlaf aktiv die Temperatur ihrer Kinder überprüfen und durch Ordnen der Bettdecke modifizieren.
Beim Co-Sleeping wurden erhöhte Herzfrequenz, mehr zentrale und weniger obstruktive Atempausen festgestellt, außerdem mehr und längere Phasen periodischer Atmung, was für einen signifikanten Einfluss der Mutter auf die Respirationskontrolle spricht. Allerdings sind die Ergebnisse zu diesem Punkt teilweise widersprüchlich, und auch der Zusammenhang zwischen kurzen Atempausen und SIDS ist unklar – weitere Forschungen werden benötigt, um mehr Einblick zu bekommen.

Gemeinsamer Schlaf bringt auch andere Bewegungsmuster hervor – die Kinder zeigten die gleiche Anzahl Haltungsänderungen, aber sie verbrachten deutlich weniger Gesamtzeit in Bewegung. Die Präsenz der Mutter bringt offenbar rasche Rückversicherung für das Kind, mit kürzeren Bewegungsepisoden im Schlaf und möglicherweise weniger Stresserfahrung für das Kind.
Bettteilende Eltern wachen nicht immer ganz auf, wenn sie Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen; kleine tätschelnde Bewegungen im Halbschlaf waren üblich. Die Kinder zeigten weniger kleine Handbewegungen, aber mehr und längere Reaktionen auf die Mutter. Kinder im gemeinsamen Bett wurden 3,7mal so häufig gestillt, was vielleicht mit dem relativ einfachen Zugang zur Brust (v.a. in Rücken- oder Seitenlage) zusammenhängt. Viele Mütter berichten, dass ihre Kinder im Familienbett schon sehr jung völlig selbständig stillen können, wenn die Brust frei zugänglich ist.


Schlafphasen beim Co-Sleeping

Eindeutige Effekte hat das gemeinsame Schlafen auf die Schlafphasen – der Anteil der leichter erweckbaren Stadien 1 und 2 ist im gemeinsamen Bett bei Mutter und Kind erhöht, die Stadien 3 und 4 treten kürzer und seltener auf. Mutter und Kind schlafen weniger tief, wachen leichter und häufiger auf. Die Aufwachepisoden finden im gemeinsamen Bett doppelt so häufig gleichzeitig bei Mutter und Kind statt, die Schlafphasen von Mutter und Kind sind also stärker synchronisiert als bei getrennten Betten. Die gesamte Schlafdauer ist bei Müttern im Familienbett gleich oder sogar höher als bei getrennten Betten, Wachphasen sind kürzer.
Schlaffragmentierung hat in Studien negative Effekte gezeigt, allerdings wurde keine solche Studie an stillenden Müttern durchgeführt, und daher gibt es keine Erkenntnisse, ob die vielen kurzen Halbwachphasen beim gemeinsamen Schlaf mehr oder weniger Auswirkungen auf die Mutter haben als die wenigen Vollwachphasen beim Kinderbett. Mütter berichten aber übereinstimmend von mehr bzw. erholsamerem Schlaf im Familienbett, zugleich mit ruhigeren Kindern. Wahrscheinlich haben experimentell veranlasste Schlafunterbrechungen andere physiologische Auswirkungen als vom Kind initiierte, gerade in Verbindung mit synchronisierten Schlafphasen und dem veränderten Hormonhaushalt beim Stillen. Übrigens wachen auch nicht stillende Erwachsene im Durchschnitt 28mal pro Nacht auf (um REM-Phasen herum), erinnern sich daran jedoch erst, wenn Wachphasen mehrere Minuten andauern. Kurze Wachepisoden beeinträchtigen den Erholungswert des Schlafes normalerweise nicht.

Obwohl das Kinderbettchen in den meisten Versuchsanordnungen direkt neben dem Elternbett stand, ergab die Anwesenheit des Kindes im Elternbett im Vergleich dazu deutlich unterschiedliches Verhalten und veränderte physiologische Vorgänge. Erkenntnisse über im Einzelbett schlafende Kinder dürfen also nicht einfach auf Co-Sleeper übertragen werden!
Normen für die Schlafphysiologie im Säuglingsalter wurden bisher zumeist anhand einzeln schlafender Babys erstellt, doch sie müssen bei ihrer Ermittlung immer auf den Kontext der Schlafumgebung bezogen interpretiert werden. Auch Risikofaktoren bei Kindern im Einzelbett (wie z.B. Seitenlage) können nicht direkt auf die Situation im Familienbett übertragen werden, hierzu sind weitere epidemiologische Studien mit korrekter Unterscheidung von verschiedenen Schlafarrangements erforderlich.

Die meisten SIDS-Fälle ereignen sich bei Kindern zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat, das entspricht einer Entwicklungsstufe, in der sich Schlafmuster beim Alleinschlafen verfestigen, der Anteil ruhigen Schlafs ansteigt und ruhige Schlafphasen häufiger werden – möglicherweise sind genau dies zusätzliche Risikofaktoren für SIDS. Der gemeinsame Schlaf könnte einen wichtigen Trainingseffekt zur Integration oder Koordination neuraler Aufwachmechanismen sichern. Dieses „Training“ hat nachweislich Einfluss auf die Erweckbarkeit, Co-Sleeping-Babys zeigen andere Schlafmuster, auch wenn sie allein schlafen!


Biologische Notwendigkeiten

Alleinsein und besonders Alleinschlafen bedeutete während Hunderttausenden von Jahren der Evolution für Primaten- und Menschenbabys Todesgefahr – der Babyschlaf entwickelte sich in der Evolution mit höchster Wahrscheinlichkeit im Co-Sleeping-Kontext. Die Kinder aller höheren heutigen Primaten sind Traglinge (wie auch menschliche Babys) und schlafen dicht am Körper ihrer Mütter. Die Zusammensetzung der Muttermilch erfordert kurze Stillintervalle, das macht Co-Sleeping nicht nur wahrscheinlich und sinnvoll, sondern biologisch notwendig.
Das moderne Co-Sleeping-Baby befindet sich aus evolutionärer Perspektive also in einer „erwarteten Umgebung“. Atembewegungen und Herzschlag der Eltern stimulieren die noch unreifen Regulationssysteme der Neugeborenen. Die typische Schlafhaltung (Seitenlage face to face) scheint weltweit das üblichste Schlafarrangement für Mutter und Kind zu sein und ist vermutlich in Verbindung mit Stillen auch das sicherste.

Die Schutzwirkung des Stillens hängt u.a. mit der Hirnreifung zusammen, auch die Schlaf-Architektur ist bei Stillkindern physiologischer. McKenna schreibt: „Wenn Säuglinge allein schlafen, könnten ihr Schlaf, Atmung, Wärmeregulation und Aufwachmechanismen in Umgebungen funktionieren, für die sie im Lauf der Evolution nicht entwickelt wurden. In der Konsequenz haben möglicherweise manche Säuglinge, besonders wenn sie mit Defiziten geboren wurden, ein erhöhtes Risiko, an SIDS zu sterben, wenn der mütterliche Körper im Schlaf nicht präsent ist, um das zu bieten, was manche „physiologische“ (sensorische) Regulationsstimuli nennen.“
Co-Sleeping und Stillen fördern die leichtere Erweckbarkeit der Kinder. Unter sonst sicheren Bedingungen können die veränderten Schlafstadien 3 und 4 vorteilhaft für Kinder sein, die wegen eines vermuteten Aufwachdefizits stärker SIDS-gefährdet sind. Hier spielt auch die Reaktionsfähigkeit der Mutter eine wichtige Rolle; bei ihr sind die Tiefschlafstadien ebenfalls vermindert, und diese erhöhte Sensitivität erhöht die Chancen, in bedrohlichen Situationen einzugreifen.

Schlaf im gleichen Raum mit den Eltern senkt das SIDS-Risiko um 50% im Vergleich mit getrennten Schlafräumen, dies könnte mit der Stimulation durch die mütterliche Anwesenheit zusammenhängen (Vergleich Odd-Factor für Bauchschläfer im gleichen Raum 3,28 zu 16,99 Bauchschläfer allein). Das Risiko sinkt jedoch nicht, wenn Babys mit Geschwistern oder anderen Personen einen Schlafraum teilen, was eine aktive Rolle der Eltern nahelegt. Motivation und Absicht der Erwachsenen beim gemeinsamen Schlaf scheinen wichtig zu sein!
Auch wenn es immer wieder einige Todesfälle im Familienbett gibt, darf nicht vergessen werden, dass die allermeisten Kinder allein im Kinderbett an SIDS sterben! Und die meisten Fälle von Überliegen ereignen sich nicht in bewusst gewählten Still-Co-Sleeping-Beziehungen, sondern in urbaner Armut, wo oft multiple unabhängige Risikofaktoren zusammenkommen (z.B. Mutter raucht, dicke Kissen und Decken, andere Kinder oder andere Erwachsene mit im Bett, Schlafen auf ungeeigneten Unterlagen, Mutter erschöpft, Alkohol, Drogen etc.), wie mehrere Studien zeigen.
Selbst wenn ein Risiko beim Co-Sleeping unter sicheren Bedingungen existiert, schätzen es die Co-Sleeping-bejahenden Forschergruppen als gering ein, mit einem maximalen Risiko unter nichtrauchenden Müttern von <1 von 10.000 Kindern. Unter Eltern, die nicht rauchen, trinken oder Drogen nehmen, ist Co-Sleeping eine vernünftige und möglicherweise förderliche Option. Forscher und Organisationen wie die ABM appellieren an die AAP zur Überarbeitung ihrer Empfehlungen dahingehend, dass gemeinsames Schlafen nur bei beeinträchtigten Eltern oder ungeeigneter Unterlage ein Risiko darstellt. Vielleicht ist nicht gemeinsames Schlafen an sich gefährlich, sondern eher besondere Umstände, die dabei vorkommen. Einige davon könnten veränderbar sein, mit wichtigen Auswirkungen auf Sozialpolitik und Gesundheitserziehung.


Fragwürdige Empfehlungen

Die Empfehlungen der SIDS-Aktionsgruppe der AAP stehen in krassem Gegensatz zu Empfehlungen der eigenen Stillabteilung der AAP. Wie kommt es zu so gegensätzlichen Empfehlungen, wer steht dahinter?
An den Kampagnen in den USA ist die CPSC (Consumer Product Safety Commission, Verbraucherzentrale) stark beteiligt. Einer der Hauptsponsoren ist aber die Herstellerverband für Kinderprodukte (JPMA, Juvenile Product Manufacturer´s Association) – kurz gesagt, die Hersteller von Kinderbetten finanzieren eine großangelegte Kampagne, die vordergründig auf Risikominimierung für den Plötzlichen Kindstod abzielt, im Fokus aber die Anschaffung von Kinderbetten für alle Säuglinge hat. Für die Kinderbetthersteller wird diese Kampagne mit Sicherheit ein Gewinn sein…
Die AAP empfiehlt auch Schnuller zum Schlafen, deren Schutzwirkung auf einer verminderten Aufwachschwelle durch das Saugen beruht. Stillkinder haben seit Jahrtausenden den gleichen Schutz, wenn sie bei der Mutter schlafen und häufig stillen. Schnuller können anderweitige Probleme nach sich ziehen (häufigere Ohrinfektionen, Zahnprobleme, Stillhemmnis), ihr Einsatz ist nur dann sinnvoll, wenn die natürliche Saugmöglichkeit an der Brust fehlt.

In Deutschland ist im Zusammenhang mit Schlafforschung und SIDS Prof. Paditz von der TU Dresden als wichtiger Meinungsbildner zu nennen. Er gibt die gleichen Empfehlungen – Säuglinge sollten im eigenen Bett im Schlafzimmer der Eltern schlafen. Als Argumente führt er (u.a. in Vorträgen vor der Nationalen Stillkommission und Hebammenverbänden) an, dass Wiegen und Babybetten schon seit Jahrhunderten aus verschiedenen Kulturen bekannt seien und Co-Sleeping früher ein Zeichen von Armut gewesen wäre und keine kulturelle Tradition. Nun, das mag für einige Kulturen gelten, aber nicht für alle. Bei den Slawenstämmen im heutigen Brandenburg gab es z.B. keine Wiegen, das jeweils jüngste Kind schlief bei den Eltern im Bett, die älteren auf Fellen am Boden.


Kulturelle Entwicklungen als Argument fürs Alleinschlafen

Kulturgegenstände wie Kinderbetten, Wiegen, Matratzen haben sich nicht in der Evolution entwickelt, um Säuglinge in der Nacht zu schützen, wärmen und füttern, schützendes mütterliches Verhalten einschließlich Körperkontakt beim Co-Sleeping aber höchstwahrscheinlich schon!
Lohnammen erdrückten früher viele Kinder – aber ist denn eine Lohnamme des 15. oder 18. Jahrhunderts wirklich mit einer heutigen Mutter gleichzusetzen? Im Mittelalter gab es mehrere Erlasse mit eindringlichen Warnungen, dass Kinder unter zwei Jahren nicht mit ins Elternbett genommen werden dürften – auch dies ein Argument bei Paditz. Andersherum gefragt – wozu waren solche Erlasse nötig, wenn doch Säuglinge angeblich ohnehin nicht bei ihren Eltern schliefen?
Der Konvent von Mainz im Jahr 852 befand, dass Säuglinge durch das Gewicht der Kleidung der Erwachsenen erstickt seien. Hier haben wir einen wichtigen Punkt – kaum jemand wird heute das Nachthemd der Mutter als grundsätzlichen Risikofaktor ansehen. Die Schlafumgebung im Mittelalter und auch in folgenden Jahrhunderten unterschied sich krass von der heutigen! Die meisten Menschen schliefen (oft zu mehreren Personen) in relativ kleinen Betten mit Strohsäcken oder Fellen, dicken Decken und Kissen, zum Teil in dicht verschlossenen Alkoven (Gefahr des Sauerstoffmangels). Spezielle Nachtkleidung war unbekannt, man schlief im Unterkleid, das meist bodenlang und voluminös war, je nach Mode auch mit sehr weiten langen Ärmeln. Offenes Feuer mit entsprechender Rauchentwicklung war üblich, alkoholische Getränke alltäglich auf dem Tisch und oft zusätzlich mit berauschenden Substanzen versetzt (was beim Bier schließlich das berühmte Reinheitsgebot hervorbrachte). Mit Rauch, Alkohol und dicken Kissen, Decken, Kleidern sind schon mehrere wichtige Risikofaktoren gegeben – nicht umsonst warnte Soranus von Ephesus im 2. Jahrhundert ausdrücklich vor betrunkenen Ammen, die auf den Säugling fallen. Ein Polizeiarzt in Dundee untersuchte in den Jahren 1882-91 Todesfälle und beschrieb bereits Zusammenhänge zwischen Kindstod durch „Überliegen“ und weiteren Faktoren wie Alkohol und problematischen Wohn- und Schlafverhältnissen in der Unterschicht.

Mütterliche Körper werden von Gegnern des Co-Sleepings teilweise als tödliche Waffen dargestellt, als seien sie rollende Holzstämme, über die weder Mutter noch Kind im Schlaf Kontrolle haben. Paditz beschreibt den Schlaf von Müttern so: „Sie schläft tief und fest, während ein Baby auf ihr hockt und ihr wieder und wieder an die Nase tippt.“ Ich weiß nicht, wie viele Mütter er für diese Aussage befragt hat, meine Erfahrungen und die Berichte vieler Mütter vom gemeinsamen Schlaf sind anders. Die allermeisten sind sich ihres Kindes neben sich sehr bewusst und wachen bereits bei sehr viel geringeren Aktivitäten ihres Kindes auf. Schlafen wie ein Stein – das kommt unter Stillmüttern nur bei großer Erschöpfung vor.


„Unabhängigkeit“ – um welchen Preis?

Schlafratgeber wie das in Deutschland weitverbreitete Buch Jedes Kind kann schlafen lernen setzen immer wieder die Unabhängigkeit der Kinder von elterlicher Nähe oder anderen Einschlafhilfen zum erstrebenswerten Ziel. Die Fähigkeit, allein ein- und durchzuschlafen, sei direkt mit der späteren Fähigkeit verknüpft, sich von den Eltern zu lösen. Befragungen von erwachsenen ehemaligen Co-Sleeping-Kindern zeigen jedoch ein anderes Bild; viele von ihnen haben ein höheres Selbstwertgefühl und spüren mehr Zufriedenheit mit dem eigenen Leben als andere, die von Anfang an allein schliefen. Die vielgepriesene Unabhängigkeit besteht bei allein schlafenden Kindern eher umgekehrt – die Eltern machen sich frei (unabhängig) vom Kind.

SIDS scheint eng verbunden mit „ruhigerem“ Schlaf, die Eltern verstorbener Kinder berichteten überwiegend von weniger Bewegungen im Schlaf, die Kinder waren nachts seltener wach und schwer zu wecken. Und „ruhigerer Schlaf“ ist neben der Unabhängigkeit das Ziel der meisten Schlafprogramme. Würden Eltern diese Programme auch anwenden, wenn Kampagnen von offiziellen Meinungsbildnern deutlich herausstellten, dass ruhiger Schlaf kein allgemein gültiges Erziehungsziel, sondern SIDS-Risikofaktor ist?
Gerade Menschen, die viel mit jungen Eltern zu tun haben, sollten ihre Vorstellungen dringend überdenken! Ruhiger Schlaf mag zwar für die Eltern bequem sein, aber für die Kinder ist er möglicherweise gefährlicher als Co-Sleeping.
Mehr sensorischer Kontakt und Nähe induzieren vorteilhafte physiologische und Verhaltensänderungen beim Kind, Mütter berichten von weniger Schreien, mehr Schlaf, mehr Milch und allgemeinen emotionalen Vorteilen wie verbesserter Bindung. Manche dieser Vorteile sind vielleicht direkt mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für Kindesmisshandlungen verbunden.


Aufklärung ist wichtig

Keine wissenschaftlichen Belege rechtfertigen einheitliche Empfehlungen gegen Co-Sleeping. Befürworter propagieren genauso wenig pauschal für alle Eltern ein gemeinsames Bett mit ihren Babys. Vielmehr fordern sie weniger Bevormundung und mehr sachliche Information für Eltern und Multiplikatoren (Gesundheitspersonal und Sozialarbeiter mit Kontakt zu jungen Familien) zu echten Risikofaktoren und sicherer Schlafumgebung, sei es nun im Familienbett oder Kinderbett. Nur die wenigsten Kinder schlafen während des ersten Lebensjahres ausschließlich in einer einzigen Schlafumgebung, Sicherheitsinformationen für alle Schlafarrangements sind also wichtig.
Bei allen Empfehlungen ist zu beachten, dass Stillen vor SIDS schützt und Co-Sleeping das Stillen fördert. Nicht für alle Familien ist das Familienbett eine gute Option, aber diejenigen, die sich dafür entscheiden, sollten nicht in die Defensive gedrängt werden. Der Verdacht der Kindstötung kann bei SIDS nie 100% ausgeschlossen werden, er darf jetzt aber nicht als unterschwellige Drohung auf die vermeintlich „fahrlässige“ Praxis des Co-Sleepings übertragen werden.
Der Wechsel von Bauchlage zu Rückenlage als empfohlene Schlafposition für Säuglinge war sehr erfolgreich zur Senkung der SIDS-Raten. Bei anderen modifizierbaren Faktoren war der Erfolg jedoch sehr begrenzt; es wäre also realistischer und für familienbettschätzende Familien hilfreicher, Wege zu zeigen, wie das Familienbett sicherer wird, als einer üblichen und in vielen Kulturen geschätzten Kinderbetreuungsmethode Schuld zuzuschieben. Dann hätten Eltern die Möglichkeit zu mündigen Entscheidungen, und auch Gesundheitspersonal/Sozialarbeiter könnten Eltern sehr viel differenzierter beraten bzw. in Problemfällen eingreifen.

Sachliche Information ist leider nicht immer leicht zu finden. In einer Broschüre des Landes Nordrhein-Westfalen für Multiplikatoren werden in der Argumentation gegen das Familienbett sogar Fakten aus dem Zusammenhang gerissen und falsch dargestellt. Es wird pauschal ein bis zu 18fach erhöhtes SIDS-Risiko beim Co-Sleeping genannt und verschwiegen, dass dieses erhöhte Risiko nur für Raucher gilt. Das grenzt an Panikmache und gezielte Fehlinformation für Menschen, die junge Eltern beraten! Dass es auch etwas differenzierter geht, zeigt der Internetauftritt des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Dort wird aufgezeigt, dass gemeinsames Schlafen das Risiko für sehr junge Kinder, bei Rauchern und auf ungeeigneten Schlafplätzen wie z.B. Sofas erhöht. Kinder sollten nach dem Stillen nach Möglichkeit ins eigene Bett zurückgelegt werden. Auch Professor Paditz schränkt seine unbedingte Empfehlung für ein eigenes Kinderbett inzwischen auf Kinder unter drei Monaten, in Raucherfamilien und bei ungeeigneten Elternbetten ein.

Die ABM (American Academy of Breastfeeding) definiert Co-Sleeping als Schlaf dicht genug nebeneinander, um Sinnesreize des anderen zu spüren und darauf zu reagieren. Co-Sleeping schließt Bed-Sharing (gemeinsames Bett teilen/Familienbett) ein, aber auch Room-Sharing, wenn Mutter und Kind in Reichweite auf verschiedenen Unterlagen schlafen (Babybalkon). Der Anthropologe und Schlafforscher James McKenna nennt Co-Sleeping ein „Schlafarrangement mit mindestens einem erwachsenen Betreuer, der nah genug ist, um mindestens zwei sensorische Modalitäten gleichzeitig zur Überwachung des Kindes einzusetzen“.
Die Vorteile des Familienbetts beruhen zumindest teilweise auf der Fähigkeit der Mutter zum Erwachen und Reagieren, sie gelten daher nicht für beeinträchtigte Mütter, deren Schlafmuster beispielsweise durch Alkohol, Übermüdung, Drogen, Medikamente (z.B. Antihistaminika) verändert sind. Auch andere Risiken können in Verbindung mit Bed-Sharing zunehmen – Überwärmung, Atemwegsobstruktionen, die Gefahr durch Tabakrauchexposition, chaotische Schlafumgebung. Eine irische Studie fand eine Verstärkung des ohnehin höheren Risikos bei Rauchern, dickem Bettzeug und niedrigem Geburtsgewicht durch Co-Sleeping.


Kriterien für sicheres Co-Sleeping

Die Hauptfrage ist aber nicht, ob Co-Sleeping überhaupt stattfinden darf, sondern bei wem und wie es in sicherer Form möglich ist!
Uneingeschränkt empfohlen werden kann das Schlafen im gleichen Raum und nah bei den Eltern, aber nicht notwendigerweise im gleichen Bett, bei soviel Stillen wie möglich. Das SIDS-Risiko sinkt signifikant, wenn Kinder vier Monate voll gestillt werden.
Potentiell gefährlich sind Wasserbetten, Sofas, weiches Bettmaterial, Kissen, Ritzen oder Lücken (in die das Kind rutschen kann), Bänder am Bettzeug, Bauchlage, andere Kinder im Familienbett, rauchende oder in ihrem Schlafmuster beeinträchtigte Erwachsene (durch Alkohol, Medikamente, Drogen), Alleinschlafen im Elternbett.

Schlussfolgernd möchte ich für eine sichere Schlafumgebung einige wichtige Empfehlungen zusammenfassen:

  • Rückenlage
  • feste Unterlage/Matratze (kein Sofa, Wasserbett o.ä. weiche und leicht eindrückbare Unterlage)
  • keine bauschigen Kissen, Nestchen, Felle etc.
  • nur sichere, erwachsene Schlafpartner (siehe unten)
  • Schlafsäcke sind für Säuglinge günstiger als Decken

Co-Sleeping kann außerdem mit verschiedenen Hilfsmitteln sicherer gestaltet werden. Hierzu gehören z.B. der Babybalkon und das Bettgitter, die früher Einfallsreichtum und/oder handwerkliches Geschick der Eltern verlangten, inzwischen aber in verschiedenen Formen und Größen im Handel erhältlich sind.

Folgende Gründe sprechen in manchen Familien grundsätzlich gegen das Familienbett:

  • Mutter (Eltern) hat ein beeinträchtigtes Schlafmuster aufgrund von Alkohol, Medikamenten (z.b. Antihistaminika), Drogen, Erschöpfung, Krankheit etc.
  • Eltern rauchen
  • Mutter (Eltern) stark übergewichtig
  • Jemand anders als die Eltern schläft neben dem Baby (z.B. andere Kinder, Babysitter)

(Wenn Eltern in Klammern steht, kann Co-Sleeping trotzdem eine gute Option sein, sofern das Kind nur neben dem nicht beeinträchtigten Elternteil schläft.)

Wenn die Mutter ein Aufwachdefizit hat, kann in manchen Fällen auch der Vater den schützenden Part übernehmen. Eine schwerhörige Mutter, die nachts ohne Hörgeräte ihr Kind nicht hören konnte, berichtete entsprechendes von ihrem Mann. Solange er „zuständig“ war, reagierte er auf leiseste Geräusche aus dem Kinderbett, verschlief aber ungerührt nächtliches Geschrei, wenn er wusste, dass die Mutter gerade beim Kind war.


Gesellschaftliche Unterschiede

Problematisch ist natürlich, dass Co-Sleeping in vielen Bevölkerungsschichten mit weiteren Risiken verbunden ist. Ein Familienbett kann völlig verschieden aussehen, und bei Familien der städtischen Unterschicht, die sich einfach kein Bett leisten können, künstliche Babynahrung füttern und rauchen, ist die Gefahr für das Kind größer als bei einer Mutter, die das Familienbett bewusst zur besseren nächtlichen Betreuung des Kindes – einschließlich Stillen – gewählt hat.
Vor allem die hohe Gefährdung durch rauchende Eltern im Familienbett ist bisher offenbar nicht ausreichend kommuniziert worden, wie mehrere US-amerikanische Studien zeigen. Rauchende Mütter hatten die gleiche Wahrscheinlichkeit, mit ihrem Kind ein Bett zu teilen, wie Nichtraucherinnen. Co-Sleeping trat häufig in Kombination mit demographischen oder Lifestyle-Risikofaktoren auf (Mutter schwarz, jung, mehrgebärend, Raucher, künstliche Säuglingsnahrung, Bauchlage, ungünstige Bettumgebung). Solche Risikoprofile sind wichtige Hilfen für das Gesundheitspersonal und Sozialarbeiter bei der Identifikation von Familien, die besonders auf Beratung angewiesen sind.

Noch einige Gedanken zum Umgang mit gegensätzlichen Empfehlungen von offizieller Seite in der Stillberatung: Gesundheitspersonal ist für Patienten verantwortlich und muss sich in der Beratung auf die üblichen Standards stützen. Für manchen sind sogar die aktuellen Empfehlungen schon etwas neues und ein wichtiger Schritt weg von alten Vorstellungen (z.B. dass Bauchlage vor Ersticken schützt). Stillberaterinnen müssen dies beachten und Mütter entsprechend begleiten und unterstützen, durch sachliche Informationen und Aufzeigen von Zusammenhängen. Im Fokus der Bemühungen sieht die ILCA weiterhin vor allem das ausschließliche Stillen in den ersten sechs Monaten, Verminderung des Rauchens ab der Schwangerschaft und die Vermittlung der Gefahr durch ungünstige Schlafpositionen (Bauch- oder Seitenlage).

Abschließend möchte ich noch einmal James McKenna zitieren:
„Es bleibt das Recht der Eltern, informierte Entscheidungen zu treffen, was den Zugang zu sachlichen Informationen erfordert! Mit seinem Kind gemeinsam zu schlafen ist nicht schlecht, unverantwortlich oder kriminell, sondern meist normal und erwartbar, es kann für Eltern eine gute Wahl basierend auf Schutzinstinkten und kindorientiertem elterlichem Verhalten sein.“
In diesem Sinne wünsche ich allen Eltern und Kindern, dass sie das für ihre Familie am besten geeignete Schlafarrangement finden!

Literatur

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Christine Tirkot 

Christine Tirkot lebt mit Mann und 2 Kindern (4 und 8 Jahre) in Brandenburg/Havel.
Die diplomierte Biologin und Diplom-Umweltwissenschaftlerin hat ihre Ausbildung zur AFS-Stillberaterin abgeschlossen und arbeitet als freiberufliche Referentin im Gesundheitswesen.

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 4/2006, S. 14-19

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